Hintergrund
Christine de Pizan, 1365 geboren, genoss eine - für ein Mädchen ungewöhnlich - gute Erziehung als Tochter des Hofastrologen Karls V.. Nach dem Tode des Vaters und dem frühen Tod des Ehemanns von Christine geriet die Familie in Not. Christine hatte nun für ihre drei Kinder, ihre Mutter und eine arme Verwandte zu sorgen. Gläubiger und Betrüger setzten sie zusätzlich unter Druck. Ausstehende Gehälter ihres Vaters und ihres Mannes wurden nicht ausgezahlt. Christine führte zahlreiche Prozesse.
Daneben gelang es ihr, zunächst als Kopistin, später mit eigenen Schriften Geld zu verdienen. Durch ihre Rhetoriken zu einem der damaligen Bestseller, dem Rosenroman, löste sie die sogenannte Querelle aus, einen langanhaltenden Streit um das Wesen und den Wert der Frauen. Sie wurde sehr bekannt und ihre Bücher wurden selbst zu „Bestsellern“, in mehrere Sprachen übersetzt. Obwohl sie am Hof wieder in hoher Gunst stand, hörte sie während des 100jährigen Krieges auf zu schreiben und starb (wahrscheinlich) im Kloster Poissy.

Romanhandlung kurz
1391, Paris: Die verwitwete Schriftstellerin Christine de Pizan setzt sich gegen alle Widerstände durch: gegen die Frauenfeindlichkeit der Kirche, betrügerische Anwälte und gewalttätige Verehrer. Doch in der unmöglichen Liebe zu dem jungen Mönch Thomas kommt sie beinahe von ihrem Weg ab. Mit ihm gemeinsam klärt sie einen Mordfall in der Nachbarschaft, der auf seltsamen Wegen die wahre Vergangenheit des Franziskaners offenbart. Am Ende wird Christine sich treu bleiben und für ihre Geschlechtsgenossinnen ein Buch schreiben, dass ihnen eine Verteidigung an die Hand geben und sie ermutigen soll.
Drei „giftige“ Bücher spielen eine Rolle in Christines Geschichte: Der „Rosenroman“, ein populärer Schundroman der Zeit, der die Frauen herabsetzte – die Bibel, auf die sich frauenfeindliche Priester berufen, und ein geheimnisvolles Buch, dem  der Mönch Thomas nach jagt....
 

Kapitel 4

Der Duft von sonnenwarmen Federn übertönte alle anderen Gerüche: ein wenig mehlig und scharf wie Buchweizen, ein wenig fettig wie gutes, helles Schmalz mit einem Anklang von Muskat und einem feinen Unterton von grünen Kräutern. Ich sog begierig diesen Vielklang von Aromen ein, der über dem gesamten Geflügelmarkt lag und sogar den beißend scharfen Geruch des Kots zurücktreten ließ. Ich achtete immer darauf, meinen Standort neben einem Verkäufer von lebendem Geflügel zu wählen. Sind sie tot, ist der ganze Zauber hin.
Zu meiner Linken wartete ein Schwan gelassen auf die Erfüllung seines Schicksals. Er hatte sich ruhig in seinem Käfig in einer Mulde aus Sägespänen niedergelassen. Jetzt rollte er den langen, grazilen Hals, drehte ihn, als wäre es nicht mehr als ein Seil aus Hanf, und putzte sich die Schwanzfedern. Ein Angestellter eines der großen Häuser würde ihn kaufen; für kleine Leute war der nicht bestimmt. Er wandte seinen Kopf mir zu und sah mich an wie ein Philosoph. Was beklagst du dich, Weib, über dein schweres Leben, schien er sagen zu wollen. Ich hätte lieber ein schweres Leben, als gerupft und mit Blattgold bedeckt auf des Königs Tafel zu enden.
„Hast recht, mein Freund, aber vergiss nicht, welche Freuden du anderen bereiten wirst“, flüsterte ich und steckte ihm ein Stück Weißbrot zu durch die Gitterstäbe. Es gibt sogar ein sehr berühmtes Lied über dich!“
„Tatsächlich?“ Seine Jettaugen funkelten interessiert.
Ich sang ihm aus der Carmina Burana vor, aber nur auf „lalala“und nichts vom „Ach ich Armer, schwarz verbrannt!“. Die Melodie gefiel ihm.
„Das singt ein Schwan?“
„Ja“, sagte ich, „und er ist dabei der Mittelpunkt einer Gesellschaft. Alle bewundern ihn und hören ihm zu.“
„So? Dann wird es vielleicht doch nicht so unerfreulich, wie ich dachte.“
„Ich wünsche dir das Beste“, sagte ich höflich. „Und“, sagte ich. “Wenn du gestattest, hätte ich sehr gern eine deiner rahmweißen Schwungfedern als Andenken. Ich würde damit ein Gedicht schreiben.“
„Ich werde es in Betracht ziehen“, er sah mich noch einmal an, und da keine weitere Brotbrocken folgten, vergrub er den Kopf unter einem Flügel, um zu schlafen.
Auf seinem Käfig obenauf stand eine Taubenvoliere, doch mit den Tauben mochte ich mich nicht abgeben: Sie haben einen geringen Verstand und der ist nur mit törichten Liebesworten gefüllt. Mit solchen Dingen habe ich ein für alle Mal abgeschlossen.
Schrilles Trompeten kam von der anderen Seite der Cour Notre Dame: Eine Gans war verkauft worden und protestierte gegen den Wechsel. Gänse wurden jetzt im Sommer nur selten verkauft. Man mästet sie nämlich bis zu Sankt Martin.
Es gibt alles auf dem Geflügelmarkt von Paris. Tauben, Hühner, Kapaunen (das sind die fetten, kastrierten Hähnchen, die man bei Hofe so liebt), orientierungslose Enten außerhalb ihres Elements. Es gibt Wachteln, Fasane, auch mal einen Auerhahn und kleine Singvögel, von denen man zwei Dutzend braucht, um eine Pastete zu bereiten.
Es war ein Gurren und Quaken, Krähen, Zirpen, Fiepen und Pfeifen, dazu die Ausrufer und die Händler, die ihre Ware anpriesen: „Fette Kapaunen, zwei für ein Silberstück! Herbei, herbei meine Damen, so nett und harmlos kriegt ihr nie wieder einen Mann!“
„Amselpastete, Amseln mit Morcheln gefüllt!“
„Lebercreme! Gänselebercreme mit roten Beeren! Heute morgen frisch zubereitet!“
„Schmalz, Schmalz, gutes, weiches gelbes Fett, leicht verdaulich und gesund! Das beste Aufbaumittel für Schwangere und Kranke!“
„Lebende Fasanen, Wachteln, Perlhuhn, hierher, meine Damen!“
„Hühnchen, billige Hühnchen! Schmackhaft und zart! Nur mit Korn gefüttert!“
„Dann sind sie ganz bestimmt nicht billig“, sagte die Händlerin neben mir eifersüchtig. „Meine haben sich an Würmern und Käfern satt gefressen! Das ist billig und dazu viel natürlicher!“
„Gewiss!“
„Hast du meine Eingabe schon fertig?“, fragte sie mich.
„Ich schreibe sie zum Schluss. Dann liegt sie nicht irgendwo herum und wird schmutzig. Keine Sorge: Sie wird rechtzeitig fertig.“
Ich hatte mich gemäß dem Rat von Tante Marie als ambulante Schreiberin installiert. Am ersten Tag hatte ich es vor dem Justizpalast versucht, wo schon etliche Schreiber standen.
„Das darfst du nicht“, sagte mir einer, als ich mich daran machte, meinen Schemel und eine der Spankisten aufzubauen. Ich sah zu ihm hoch: ein langer, dürrer Mensch mit einem essigsauren Gesicht, einer langen Nase mit tiefen Falten rechts und links davon, die sich bis zum Kinn herunter zogen.
„Was soll das heißen?“, fragte ich ihn, während ich weiter seelenruhig Tintenfass, einen kleinen Vorrat an liniertem Pergament und Federn sortierte.
„Frauen dürfen nicht öffentlich Schreiberdienste anbieten“, behauptete er, aber ich hatte mich erkundigt.
„Von wegen! Es ist durchaus gestattet. Ich kann es und ich werde es.“
Beleidigt zog er sich hinter sein Pult zurück, ein leichtes schönes Pult, eigens zu diesem Zweck gefertigt, und beobachtete mit giftigem Blick, wie ein junger Herr doch tatsächlich schnurstracks auf mich zukam.
Mein erster Kunde! Ich lächelte ihn so aufmunternd wie möglich an.
„Was kann ich für Euch tun, lieber Herr?“
Er kann nicht viel älter als fünfzehn Jahre gewesen sein, auffällig gekleidet in modisch kurzem Rock mit weiten Ärmeln. Verschiedenfarbige Seidenstrümpfe, an den Knien schmutzig, Weinflecke auf der Vorderseite des Wamses, ja – und ein sehr übertriebener Schambeutel, gelb und violett gestreift mit Seidenbändern daran (ich musste plötzlich intensiv meine Blätter umschichten), überlange Haare, von einem roten Band gehalten, Kurzschwert an der Seite – ein Student.
„Ich, äh ... hm.“ Er errötete.
Aha! Ein Liebesaffaire. Und richtig, er sah sich um, beugte sich zu mir herunter und raunte: „Es ist eine Sache von Leben und Tod!“
„Liebe.“
„Jawohl! Woher wisst Ihr das bereits?“
„Junger Mann, sie ist mir auch schon begegnet, die Dame Amour, und ich habe keineswegs vergessen, wie außerordentlich dringlich solche Angelegenheiten sind. Und wie schmerzhaft. Vertraut mir: Ich bin absolut verschwiegen.“
Er entspannte sich ein wenig.
„Nun?“
„Ich … hm.“
Er brauchte wirklich Hilfe!
„Ihr seid verliebt und sie nimmt Euch nicht wahr. Ich soll Euch einen Liebesbrief schreiben, der ihr Herz rührt und sie Euch in die Arme treibt.“
Seine Augen leuchteten auf: „Könnt Ihr das?“ Er warf den anderen Schreibern einen Blick zu. „Die da können es bestimmt nicht. Die wissen bloß trockene juristische Dokumente aufzusetzen. Von Gefühlen haben die keinen Schimmer – viel zu alt!“
Ich machte ein so ernstes Gesicht wie ein Medicus. „Sicher. Ihr seid an die richtige Adresse gekommen, junger Herr! Ich schreibe außerdem Balladen; es wird uns schon gelingen, gemeinsam den richtigen Ton für Eure Dame zu finden.“
Er sah mich eindringlich an.
„Schreiben kann ich eigentlich selber, aber so etwas nicht! Ich studiere Arithmetik und mechanische Konstrukte. Doch eine Frau ist leider kein mechanisches Konstrukt. Wie soll ich mich ihr nähern? Ach, ich habe hundert Seiten beschmiert und alle fortgeworfen! Ihr müsst mir helfen. Bitte, Ihr müsst! Wenn sie mich nicht erhört, dann bringe ich mich um!“
„Na, na!“ Jetzt war es Zeit für den mütterlichen Blick. „Wenn Ihr mit erhören meint, was ich denke, das Ihr meint, dann zählt lieber nicht auf mich. Zu so etwas gebe ich meine Kunst nicht her.“
„Oh, oh-oh, nein!“ Er wedelte mit beiden Händen im Bestreben, mich zu überzeugen. „Nein! Es ist nur: Man sagt das eben so. Nein! Ich, ich würde niemals etwas tun, um … äh … hm, ihr zu schaden oder sie irgendwie zu kränken, nein!“
„Wie ist sie?“
„Sie ist die Schönste, die Süßeste, die Herrlichste ...“ Und so weiter. Und wenn sie auch eine Nase hätte wie eine Landgurke, schielte, Beine krumm wie ein Fass besäße und noch zu allem Unglück dümmer wäre als ein Regenwurm, so wäre sie doch die Allervorzüglichste in seinen Augen. Es war tatsächlich Liebe. Wie zynisch ich doch bin. Das muss an meinem hohen Alter liegen.
„Gut. Nun zum Geschäftlichen: Ich bekomme genau soviel wie jeder von diesen da. Dichten kostet extra. Und ich erhalte meinen Lohn im Voraus.“ Bei einem Studenten weiß man nie! Doch er war einverstanden und zahlte mir drei Sou auf die Hand.
Wir besprachen die Sache. Er sagte mir alles, was ich wissen musste: Wie hatten sie sich kennen gelernt, was waren ihre Vorzüge (abgesehen davon, dass sie die Schönste, die Süßeste usw. war), was tat sie, welches waren ihre Vorlieben, war sie stolz und kühl, war sie feurig, kompliziert oder von einfacher und freundlicher Natur?
Und nachdem ich alles wusste, komponierte ich ihm einen Brief in wohlgesetzten Worten und mit vielen Komplimenten und Andeutungen, die sie sicher neugierig machen würden. Ich wäre es geworden. Und zu allem waren es tatsächlich seine Gedanken, soweit ich sie ihm entlocken konnte. Ich brachte sie nur in eine verständliche Form.
„Das klingt, ja … äh … hm!“ Er war zufrieden.
„Wenn ich Euch raten darf: Falls das Treffen zustande kommt, dann seid ganz natürlich. Ihr könnt ruhig zugeben, dass Ihr die Verse nicht selbst geschrieben habt, aber erzählt von Euren Mühen. Bringt sie zum Lachen.“
„Sie soll nicht über mich lachen.“
„Nicht über Euch, sondern mit Euch. Glaubt mir, wenn sie Eure Aufrichtigkeit nicht honoriert, dann ist sie nicht die Richtige!“
Er sah mich zweifelnd an, während er das Briefchen zusammenfaltete auf ein Format, das sich mühelos von Hand zu Hand schmuggeln ließ. Wir versiegelten den Brief mit rotem Wachs, in das er seinen Siegelring drückte.
„Viel Glück, junger Mann.“
Ich fühlte mich wie Methusalems Großmutter.
Er war noch nicht lange fort, da erschienen zwei Polizeidiener, gefolgt von dem essiggesichtigen Schreiber.
„Da, das ist die Metze!“
Der eine, offenbar der Höhergestellte, machte Anstalten, mich am Arm zu packen und von meinem Schemel zu zerren.
„Was gibt es, meine Herren? Habe ich etwas falsch gemacht?“, fragte ich freundlich und beherrscht.
Die anderen Schreiber am Platz steckten die Köpfe zusammen; einige lachten und wiesen mit Fingern auf mich.
„Sie sagen, du gehst hier der Kuppelei nach, unter dem Vorwand, Liebesbriefe zu verfassen.“
„Das ist nicht wahr. Ich gehe hier der Schreiberei nach unter dem Vorwand, alle möglichen Briefe zu schreiben. Ich kann ebenso gut schreiben wie jeder von denen dort. Und das ist alles, was ich verkaufe: meine Feder. Das ist doch nicht verboten.“
Der Büttel musterte mich genau und sagte zu dem Schreiber: „Sie ist sittsam gekleidet und trägt sogar einen Witwenschleier.“
„Alles eine List. Außerdem weiß man ja, wie verworfen Witwen sind!“
Jetzt sprang ich auf. „Das ist infam! Womit habe ich diese Beleidigung verdient? Es ist nicht meine Schuld, dass mein Mann starb und ich jetzt meine Familie aus eigener Kraft unterhalten muss!“
Der Büttel legte mir beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Bitte nimm wieder Platz und gib mir eine Schreibprobe – und Ihr, Monsieur, mäßigt Euch! Falsche Anschuldigungen sind ebenfalls strafbar!“
Der Essigmann erblasste noch mehr, falls das bei seiner fahlen Hautfarbe möglich war.
„ Schreib folgendes: Ich – dein Name – versichere hiermit, meinen Unterhalt nur mit dem Schreiben und auf keine andere, unerlaubte Weise zu verdienen.“
Ich schrieb es sauber und flink hin, in Französisch und gleich – pure Angeberei – noch mal in Griechisch und in Latein.
Der Büttel nahm das Blatt, bevor es trocken war, zeigte es seinem Kompagnon, dem hässlichen Schreiber, und sagte: „Damit ist die Sache ja wohl geklärt.“
„Es gibt durchaus raffinierte Huren, die schreiben können. Das besagt gar nichts.“
Der Büttel wurde ärgerlich und packte den Schreiber vorn an seinem Mantel. „So, jetzt reicht es aber!“ Und er sprach so laut, dass es der ganze Platz mithören konnte: „Ihr versucht, Konkurrenz loszuwerden und dafür mit Hilfe von Verleumdungen die Staatsgewalt einzuspannen. Ich hätte nicht übel Lust, jedem von Euch ein Goldstück Strafe abzunehmen! Gebt jetzt Ruhe, sonst könnt ihr euch selber einen neuen Standort suchen!“
Er stieß den Essigmann von sich, der sich rasch und klugerweise schweigend an sein Pult begab.
„Vielen Dank. Ich freue mich, dass es noch Anstand gibt. Wie ist dein Name?“
„Grégoire, zu Diensten. Für jetzt werden sie wohl Ruhe geben. Wenn wieder etwas sein sollte, dann zögere nicht, mich rufen zu lassen. Ich finde es sehr tapfer, wie du dich durchschlägst, bonne chance!“
Ich hatte gewonnen, doch wollte ich der neidischen Konkurrenz keine Gelegenheit zu weiteren Attacken geben. Ich gab mich geschlagen, könnte man sagen, obgleich ich Recht bekommen hatte. Doch manchmal ist es besser, Schwierigkeiten zu vermeiden, vor allem, wenn man bereits genug davon am Halse hat.
Unter dem hämischen Grinsen der Herren nahm ich mein Kistchen und den Hocker und ging hinüber zum Geflügelmarkt. Und hier saß ich nun schon eine Woche und verdiente jeden Tag eigenes Geld. Es war sehr aufregend.
Inzwischen hatte ich meinen festen Platz zwischen dem Besitzer des traurigen Schwans und einer Pastetenbäckerin. Dem Geflügelbauern half ich abends bei der Abrechnung; der Pastetenbäckerin hatte ich eine Steuererklärung geschrieben. Dafür hielten die zwei mir den morgens den Platz frei und von der Bäckerin bekam ich mittags eine zerbrochene Pastete gratis.
Mein Mobiliar konnte ich über Nacht getrost dort lassen, an einen der Stände gekettet.
Jeden Morgen, zu Arbeitsbeginn, legte ich ein dunkelblaues Stück Samt auf die Kiste und drapierte darauf mein Tintenfass, eine Garnitur Federkiele, sauber gespitzt, mein Messerchen und eine bleibeschwerte rote Seidenschnur. Natürlich musste mich gleich an meinem zweiten Tag Berthe entdecken, meine liebenswürdige Nachbarin, mit Aldo im Gefolge, der ihr die Einkäufe hinterher trug, offenbar alles, wozu der arme Junge imstande war.
„So, hier verbringst du also deine Tage!“ Sie blickte mit verächtlicher Miene auf meine Utensilien herab und griff nach einem Pergament. Ich gab ihr einen Klaps auf die Hand. „Du bietest Bauern und Gesinde deine Dienste an?“
Wie das nur wieder klang!
„Ich bin eine selbstständige Geschäftsfrau und verdiene mein Brot, Berthe. Ich weiß nicht, was daran verächtlich sein soll.“
„Geld verdienen – pah! Was lässt sich hier schon verdienen? Wahrscheinlich bezahlen sie dich in Naturalien und das schlecht! Wenn du je mehr als ein paar Kupferstücke in der Tasche hast, könntest du ja mal deine Rechnung bei uns begleichen.“ Und segelte davon in einem neuen Kleid, ganz nach der Mode, einen verschüchterten und hoch beladenen Aldo auf ihren Fersen. Der Junge wandte sich zu mir um und lächelte entschuldigend.
„Was war denn das für ein Ekel?“, fragte die Pastetenbäckerin.
Ich seufzte. „Diese Heimsuchung ist meine Nachbarin. Ich nehme an, Gott hat sie mir zur Übung in Langmut geschickt.“
„Der arme Kerl, der die zur Frau hat“, sagte der Geflügelhändler zu meiner Rechten. „Was für ein Drachen!“
Berthe erzählte überall bei den Nachbarn herum, dass ich für Geld auf dem Markt hockte. Mutter war das immens peinlich. Doch die Nachbarn zeigten keine Anzeichen eines veränderten Verhaltens mir gegenüber. Einer gab mir sogar einen Auftrag. Berthe blieb die einzige unangenehme Begegnung. Über mangelnde Arbeit konnte ich mich nicht beklagen.
Und schon kam wieder jemand auf mich zu, eine Händlerin vom anderen Ende, eine von den Bäuerinnen, die ihre Erzeugnisse in die Stadt brachten, um sie mit Gewinn zu verkaufen: klein und rund, braunhaarig und rotgesichtig, in einen langen graubraunen Wollrock gekleidet, ein heller Kittel mit einem Gürtel, an dem eine lederne Börse befestigt war, ein farbloses Kopftuch. Wenn sie hier Überschuss zu verkaufen und noch dazu lederne Schuhe an den Füßen hatte – kalkulierte ich rasch – dann gehörte sie zu den wenigen wohlhabenden Bauern. Wahrscheinlich besaß ihr Mann sogar einen eigenen Pflug, was den satten vom hungrigen Bauern unterscheidet.
Sie hatte mich seit Stunden beobachtet: „Ist es wahr, dass du auch Anwaltssachen machen kannst?“
Ich sah zu ihr hoch. „Ja, ich kann juristische Dokumente aufsetzen. Ich bin kein Anwalt oder Notar, aber ich kann Eingaben, Klagen oder Verteidigungen schreiben.“
„Gut, gut. Ich kann dir aber kein bares Geld geben. Ich biete dir ein Huhn für einen Brief und eine Gans an Sankt Martin, wenn du Erfolg hast.“
Das klang interessant.
„Worum geht es?“
Sie knautschte ihren Rocksaum und wischte immer wieder ihre Finger daran ab. Ihre Augen schimmerten feucht. Sie schluckte.
„Schreib eine Klage für mich, ja? Mein Mann und ich, wir sitzen in der Patsche!“ Sie zog die zweite Kiste an mein Tischchen heran, die ich als Sitzgelegenheit für Klienten bereit hielt. Mein Arbeitsplatz wurdeimmer luxuriöser..
„Wir bauen Getreide und Gemüse an, nicht weit vor der Stadt. Und ich züchte noch etwas Geflügel dazu, das wir verkaufen. Uns geht’s ganz gut, hab ich gedacht. Haushaltssteuer, den Zehnten für den Gutsherrn, den Kirchzehnten, die Pacht – haben wir alles bezahlt, wir haben brav alle Fronarbeiten erledigt, uns vor nichts gedrückt, doch weil wir es geschafft haben, darüber hinaus zu was zu kommen, ist der Vogt unseres Herrn gierig geworden und hat weiteres Geld von uns verlangt. Wir sind aber nicht verpflichtet, an den Vogt etwas zu zahlen, also hat es mein Mann verweigert.“
„Das war euer Recht.“
„Ja. Allerdings. Aber nun hat der Vogt den Pflug beschlagnahmt und das jetzt im Frühjahr! Wenn wir den Pflug nicht haben, wie sollen wir dann die große Fläche bearbeiten, die wir gepachtet haben? Und wenn wir nicht säen und nicht ernten, dann nimmt man uns alles weg!“ Sie weinte offen. „Was können wir nur tun? Gibt es keine Gerechtigkeit?“
Von solchen Vögten hatte man schon oft gehört. Sie waren eine Geißel unseres Landes. Und bei all den Abgaben und Fronarbeiten, die ein Bauer zu leisten hatte, musste er schon tüchtig sein, um es zu was zu bringen.
Leider verstanden die Gutsherren oft nicht den Unterschied zwischen einem armen Bauern und einem erfolgreichen.
 „Eine Klage vor Gericht wird euch nichts nützen. Das dauert viel zu lange. Inzwischen seid ihr euer Land los. Außerdem gehört ihr nach dem Gesetz eurem Grundherrn.“
„Ich weiß“, seufzte sie. „Dann einen Bittbrief. Kannst du mir einen Brief an unseren Herrn schreiben?“
„Das will ich gern tun. Aber es kann sein, dass er nicht interessiert ist und alles seinem Vogt überlässt. Vielleicht sollten wir noch eine Kopie machen und sie an den Lehnsherrn deines Herrn schicken. Es machtja keinen Sinn, wenn durch Gier und Starrsinn eine gute Nutzung des Grundes verhindert wird. Dein Herr und der Herr deines Herrn verlieren beide Geld, wenn man euch am Arbeiten hindert.“
„Ja, ja, schreib auch unbedingt hinein, was das für ein widerlicher Schuft ist, dieser Vogt, Rupert heißt er, der erpresserische, betrügerische Kerl, ich wünsche ihm Blähungen und Faulsucht! Und schreib recht deutlich, wie wir darüber denken ...“
„Lieber nicht ganz so deutlich, Gevatterin“, sagte ich. „Wir Schwachen müssen fein demütig und stille sein, um etwas zu erhalten. Es geht nur so, dass man dem Starken vorhält, welchen Vorteil er davon hat, uns gut zu behandeln.“
Sie schneuzte sich in ihren Rock. „Verdammich! Lieber würde ich den Kerl mit einer Mistgabel direkt zum Teufel befördern, wo er hingehört. Aber wenn du meinst, du hast schließlich studiert.“
Ich schrieb ihr die zwei Briefe für den Preis von einem fetten Huhn, das war kein schlechter Verdienst. Und ich gab mir redlichste Mühe, die Sache in untertänigen und vernünftigen Worten darzulegen.
Dann drillte ich die Bäuerin noch in Diplomatie: „Wenn du Antwort bekommst und etwa eine Vorladung, dann denke daran: Euer Glück hängt davon ab, dass du ruhig und ehrerbietig sprichst. Atme langsam ein und wieder aus, wenn du merkst, dass du wütend wirst. Erst dann sprich! Ich habe geschrieben, dass du demütigst um Gerechtigkeit bittest und dass ihr euch nichts sehnlicher wünscht, als Gott und eurem Herrn zu dienen.“
„Die Gurgel würd ich ihm abschneiden.“
„Ja ja, aber das behältst du für dich, kapiert? Und es kann nicht schaden, den Brief an deinen Gutsherren von einem halben Dutzend Kapaunen begleiten zu lassen, artig dekoriert in einem Körbchen mit Blumen und frischem Laub.“
„Wieso?“
„Weil er eher einen schönen Korb mit Kapaunen anschaut als einen trockenen Brief. Ein ebensolches Gebinde musst du an den Herrn deines Herrn schicken.“
„Was? Das auch noch!“
Ich schaute sie nur sanft an. „Unbedingt! Vielleicht sollte lieber dein Mann hingehen, wenn der weniger hitzig ist als du.“
„Der ist noch schlimmer.“ Sie musste selbst lachen, nahm die Briefe, rollte sie zusammen und steckte sie sich ins Mieder. Später brachte sie mir das versprochene Huhn und einen Beutel Zwiebeln dazu.